Zwischen Kühen und Kirchtürmen: Unterwegs im bayrischen Niemandsland

Toyota GT86 in Stahlwerk

„Fahr mal dort hin und dann gib das als Ziel ein und danach dann das.“ Die Tipps, die Sebastian – hier war er mit dem DS3 Racing unterwegs – mir hierbei verriet waren gemessen nach den Dorfnamen etwas abenteuerlich, aber es versprach auch spannend zu werden. „Fiese, enge Kurven, … Perfekter Fahrwerksbenchmark“, so Sebastian über seine ganz persönliche Nordschleife irgendwo im Nirgendwo.

Das erste Ziel also in das perfekt funktionierende Navigationssystem des GT86 eingegeben, dort sah es ganz beschaulich aus, ein ruhiges, bayrisches Dörfchen eben. Das erste Etappenziel war auch schnell ausgewählt, auf dem Weg zum Ortsausgang aber zuerst noch eine Schrecksekunde. Kühe! Mitten auf der Straße. Wie aus dem Nichts lief plötzlich eine ganze Herde von Kühen auf die Straße. Zäune waren wohl nicht mehr, nur schnell weg hier. Die ersten paar Kurven, ideal zum warm werden mit der Strecke. Ein paar schöne lange links rechts Kombinationen, bei leicht geneigter Straße. Der GT86 folgt im VSC Sport Modus brav meinen Anweisungen, kein Rucken, kein Zucken, einfach der Straße nach.

Bzgl. des erwähnten Benchmark: GT86 kann sich hinter dem Subaru WRX STi („Grip ohne Ende“) platzieren, dahinter folgen unsauber abgestimmte Fahrzeuge, die sich durch „aufschaukeln“ und „nachschwingen“ auszeichnen.

Ab in das Waldstück, der Belag, unterschiedlich, aber durchgehend nass, Grenzbereich nicht erkennbar. Die Michelin Pneus kleben auch auf feuchter Straße. Geschwindigkeit, unbekannt. Immer der dritte und vierte Gang, den Sauger schön auf Drehzahl halten. Ein wenig Schlupf an der Hinterachse, wenn der Beleg wieder wechselt. Auf den gestopften Löchern rutscht es ein wenig, aber nur minimal. Es geht hoch, runter, eine Steigung rauf und sofort danach wieder einige Höhenmeter abwärts. Der Boxer blüht auf. Jede Kurve auf ein Neues, ein unverfälschtes Fahrgefühl mit dem Hintern nur ein paar Zentimeter über dem Asphalt. Es kündigt sich die Unruhe am Hinterteil des GT86 schon immer vorher an, wenn der Bremspunkt doch zu spät war, der Lenkeinschlag zu heftig, das Heck, es dreht sich ein, ein wenig vom Gas, Gegenlenken und wieder voll drauf. Heute kein Drift, nur schnell den Kurvenräuber geben.

Die Nordschleifenabstimmung macht sich bemerkbar, kein einziges Mal verrutscht der GT86 in der Spur, er folgt genau meinen Anweisungen an Lenkrad und Gaspedal. Keine Bodenwelle schafft es das Fahrwerk in die Knie zu zwingen, er will nicht verspringen, er bleibt in der Spur, selbst bei den schlechtesten Bedingungen. Der Regen wird stärker, auch der Wald schützt nicht mehr. Obwohl die Gummis bei diesen widrigen Bedingungen nicht richtig auf Temperatur kommen ist der Grip unglaublich, der GT86 lässt sich wie auf Schienen fahren. rechts links, auf der Bremse, perfekt dosierbar auch bei Nässe, das ABS ist erst auf den letzten Metern deutlich spürbar, in engen Kurven ein kurzes Blockieren der Vorderräder, trotzdem kein Untersteuern. Ich kann mich immer noch auf die perfekte Verzögerung verlassen. Der tiefe Schwerpunkt macht sich bemerkbar, auch in den schnellen Links-rechts-Kombinationen lässt sich als Fahrer kaum ein Wanken der Karosserie bemerken – von außen war mit Sicherheit etwas zu erkennen.

Toyoa GT86 Stahlverstrebung

Muss sich keinesfalls verstecken: Toyota GT86

Enge Spitzkehre voraus, von vier runter in zwei, voll in die Eisen, im zweiten Gang rum wieder auf’s Gas und das Unausweichliche: das Heck will überholen. Erst die Hinterräder wieder auf die Spur bringen und weiter in die folgende 30° links. Gute zehn Kilometer lang ist die kurvenreiche und wie Sebastian auch zu Recht sagte, anspruchsvolle, Strecke durch die bayrische Idylle. Der nächste Abschnitt fordert das Fahrwerk sogar noch etwas mehr, zahlreiche Bodenwellen und aufgesprungene Straßen zehren am Fahrwerk des GT86. Doch er ganz kühl, „ist das alles, was du hast?“, die Nordschleife hat das Sportcoupé abgehärtet, so eine unebene kurvige Straße mit zahlreichen Flicken ist doch ein Klacks.

Das Feedback vom GT86 an mich? Da geht noch was, ich hab da noch zwei Gänge. Noch lange nicht am Limit des Autos, wohl aber an meinem und bei den Verhältnissen wollte ich es auch nicht übertreiben. Sebastian hätte sicherlich die eine oder andere Kurve noch schneller genommen, mit Sicherheit auch den fünften Gang eingelegt, doch für mich war das Erlebnis, so wie ich es erfahren habe mehr als ausreichend.

Der GT86 wiederum hat nicht nur mir meine Grenzen aufgezeigt, sondern auch bewiesen das er zwar ein „low cost“ Sportcoupé ist aber keinesfalls an der technischen Abstimmung gespart wurde. Das geringe Leergewicht, die fast ideale Gewichtsverteilung, sowie der niedere Schwerpunkt sind alles nur Fakten, die irgendwo in einer Broschüre abgedruckt sind. Ich meine sie erfahren zu haben. Präzise, schnell und direkt ließ sich der GT86 in meinen Augen zu 95% neutral über diese kurvige und so ungleichmäßige Landstraße fahren. Ich bin im Gegensatz zu Sebastian ohne Nordschleifen-Erfahrung, von daher kann ich guten Gewissens sagen, bei idealen Bedingungen (also kein Regen), einem besseren Fahrer und nur einer Fahrtrichtung, sind mit diesem Sportgerät auf diesen Abschnitten Zeiten drin, da müssen selbst Porsche-Fahrer alles aus ihren Kisten holen, um da mithalten zu können.

Text: Fabian Meßner

Fotos: Fabian Meßner