Neel Jani im Porsche 919 Hybrid Evo schneller als Lewis Hamilton

Porsche hat sich eigentlich aus der LMP1-Serie von Le Mans und der FIA WEC verabschiedet. Doch es wäre zu schade die teuren, schnellen Prototypen einfach so in der Garage stehen zu lassen. Deswegen hat sich das Team in Spa-Francorchamps versammelt und mit einer Evo-Variante des Porsche 919 Hybrid einen neuen Rundenrekord aufgestellt und damit auch Lewis Hamilton „von der Pole“ gekegelt.

Neel Jani stellt Rekord auf: 0,783 Sekunden schneller als Lews Hamilton

Am gestrigen 9. April 2018 war es soweit. Das Team um Rekordfahrer Neel Jani hatte schon ein paar Tage mit Tests in Belgien verbracht und um 10:23 Uhr war es endlich soweit. Start zur Rekordrunde, bei der Jani einen Topspeed von 359 km/h erreichte und eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 245,61 km/h. Schlussendlich absolvierte der 34-jährige Schweizer die 7,004 Kilometer lange Strecke in 1.41,700 Minuten, was nicht nur ein neuer Rekord war, sondern auch 0,783 Sekunden schneller als Lewis Hamilton im vergangenen Jahr. Der Brite sicherte sich 2017 mit einer Bestzeit von 1.42,553 Minuten die Pole Position zum belgischen Gran Prix in seinem Mercedes F1 W07 Hybrid.

„Der 919 Evo ist brutal beeindruckend. Er ist definitiv das schnellste Auto, das ich je gefahren bin. Das Grip-Niveau ist für mich eine völlig neue Dimension, das konnte ich mir vorher so nicht vorstellen. Die Abläufe auf einer einzelnen Runde mit dem 919 Evo sind derartig schnell, dass der Anspruch an die Reaktionsschnelligkeit noch einmal ein ganz anderer ist als ich ihn aus der WEC kenne. Wir sind nicht nur schneller als die F1-Polepostion von 2017. Die Runde war zwölf Sekunden schneller als unsere WEC-Pole aus dem vergangen Jahr! (…)“ – Neel Jani

 

Schneller als die WEC erlaubt – aber noch immer nicht schnell genug

Neel Jani gibt es schon etwas voraus, denn der 919 Evo entspricht nicht mehr ganz dem WEC-Reglement. Das Team um LMP1-Leiter Fritz Enzinger wollte zeigen, was der dreimalige WEC-Gewinner und Le Mans-Sieger leisten kann, wenn man die Daumenschrauben der FIA etwas lockert. Der 919 Evo entspricht somit nicht mehr ganz dem WEC-Reglement, hat aber scheinbar noch immer nicht sein volles (technisches) Potential auskosten können, da man bei den Ressourcen laut Renningenieur Stephen Mitas etwas eingeschränkt war.

Die Veränderungen am Porsche 919 Hybrid Evo

Die Hardware blieb dabei unberührt. Technisch ist der 919 Evo basierend auf dem siegreichen Fahrzeug aus 2017, gemischt mit den ersten Entwicklungen für die 2018er Saison, die allerdings Porsche durch den Rückzug nicht mehr antrat. Die Basis bildet weiterhin der 2,0-Liter V4-Turbobenziner mit zwei Energierückgewinnungssystemen. Zum einen die Energie aus dem Abgastrakt unter Last, zum anderen die Bremsenergie von der Vorderachse. Als Zwischenspeicher dient dabei eine flüssigkeitsgekühlte Lithium-Ionen-Batterie. In der WEC ist – für Chancengleichheit – die Druchflussmenge des Porsche 919 Hybrid auf 1,784 kg / 2,464 Liter Benzin pro Runde in Spa reglementiert worden. Damit leistete der 4-Zylinder-Benziner rund 500 PS.

Mehr Benzin = Mehr Power!

Ohne diese Einschränkung und unter der Anwendung einiger Software-Updates bringt es der Vierzylinder-Turbo auf 720 PS in der Evo-Variante unter Verwendung des Rennkraftstoffs (E20 mit 20 Prozent Bioethanol-Anteil). Ebenfalls beschränkt in der WEC war die einsetzbare Energiemenge aus den Rückgewinnungssystemen. Statt nur 6,37 Megajoule pro Runde konnte Neel Jani somit durch 8,49 Megajoule das volle Potential ausnutzen. Die Leistungsausbeute betrug somit 440 statt 400 PS.

Der Porsche 919 Hybrid Evo wird untrennbar vom Asphalt

Auch an der Karosserie wurde Hand angelegt, was in Summe den Abtrieb um 53 Prozent und die Effizienz um 66 Prozent gegenüber dem Reglement von 2017 verbesserte. Dazu bekam die Front einen größeren Front-Diffusor, das Heck einen enorm großen Flügel mit DRS (Drag Reduction System), sowie einen weiter optimierten Unterboden und feste seitliche Schürzen. Dazu wurden Radträger vorne wie hinten verstärkt, ein Brake-By-Wire System für alle vier Räder installiert (für zusätzliche Gierwinkel-Kontrolle) und die Servounterstützung der Lenkung angepasst.

Optisch lässt sich auch schnell erkennen, das einiges fehlt. So hat man, in Anbetracht der einen Runde, alles entfernt, was keine Miete zahlt. So ist die 919 Evo-Variante 39 Kilogramm leichter, da man nicht nur auf die Lichteinheit, sondern auch die Wagenheber-Hydraulik, die Klimaanlage, die Scheibenwischer, einige Sensoren und vor allem die Elektronikeinheit der Regelwächter verzichten konnte. Schlussendlich hat Michelin noch einen Reifen in gleicher Dimension mit höherem Grip-Niveau geliefert.

Porsche 919 Evo auf der Nordschleife

Zu sehen sein wird die 919 Evo-Variante demnächst auf der Nordschleife zur Eröffnung am 12. Mai des 24-Stunden-Rennens, sowie dem Goodwood Festival of Speed im Juli und zwei Porsche Events in Brands Hatch sowie Laguna Seca.

Fotos: Porsche AG

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