Neustart für den Glücksbringer: Renault Talisman gefahren

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Der neue Renault Talisman folgt dem Laguna, wirft dabei aber dessen Namen und damit auch die schlechten Erfahrungen des Mittelklasse-Modells über Board. Der CMF-Baukasten sorgt dafür, dass auch technisch keine Verwandtschaft mit dem Laguna besteht. Stellt sich nur die Frage, soll der Talisman für Renault Glück „einfahren“ oder seinen späteren Besitzern Glück bringen?

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Mit 4,85 Meter in der Länge ist er noch einen Tick länger als VW Passat oder Skoda Superb. Das sollte schlussendlich in mehr Beinfreiheit als bei denen Konkurrenzprodukten resultieren. Doch an das geschickte Boxing des VW Konzerns gelangt die Renault-Nissan-Allianz damit (noch) nicht heran. Der Platz auf der Rückbank ist außerordentlich gut, doch keinesfalls mit dem enormen Raumgefühl im Superb zu vergleichen. Bei den Preisen gibt Renault einen stolzen Kurs vor. Mit mindestens 27.950 Euro verlangt man für den Franzosen deutlich mehr als für den Wolfsburger oder nochmal mehr als für den Tschechen. Die Spreizung geht bei den höherwertigen Ausstattungen noch weiter auseinander – ist Frankreich hier zu siegessicher?

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Ausstattung

Wer solche stolzen Preise aufruft muss von Grund auf besser sein als die Konkurrenz. Doch da hapert es an kleinen Macken, wie etwa die Nähte an den Sitzen oder auch am Material selbst, welches zu kurz ausgefallen ist, sodass sich das Leder an den Nähten wellt. Ansonsten sind die Polster sehr bequem, die Massagefunktion für den Fahrer ist ausreichend, aber keine überragende Vorlage für Feierlichkeiten. Woran es in meinen Augen beim Talisman fehlt sind die Fahrhilfen. Allerhand Warner und Notassistenten sind an Board, doch dem adaptiven Tempomat steht keine aktive Lenkhilfe zur Seite. Es scheint, als ob für Renault das „autonome“ Zeitalter noch sehr weit weg wäre. Immerhin das optionale „LED Pure Vision“ ist intelligent genug für sich selbst zu sorgen und übernimmt in Eigenregie die Ausleuchtung der Straße.

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4Control Allradlenkung im Renault Talisman

Eine ausgefeilte, wohl doch simple Technik hört auf den Namen 4Control. Dabei sitzt ein Aktuator (elektrischer Motor) an der Hinterachse und drückt über eine Stange, die beide Hinterräder miteinander verbindet, die Räder um wenige Grad nach außen bzw. zieht sie nach innen. Einfach gesagt besitzt der Renault Talisman einen Hinterrad- oder auch Allradlenkung. Dabei fungiert diese in zwei Richtungen. Bei niedrigen Geschwindigkeiten unterhalb von 50 km/h lenken die Hinterräder entgegengesetzt der Vorderräder. Diese virtuelle Radstand-Verkürzung sorgt für einen geringeren Wendekreis von 80 Zentimeter. Mehr noch: es fühlt sich an, als würde der Talisman zum Drift ansetzten. Als ob ein kleines Männchen das Heck in die Kurve hineinschiebt. Bei höheren Geschwindigkeiten stabilisiert die Hinterradlenkung das Fahrzeug (virtuelle Radstand-Verlängerung), indem in die exakt selbe Richtung gelenkt wird. Hier ist der Winkel allerdings deutlich kleiner und der Effekt ist kaum zu spüren. 4Control ist ein absolutes Must-Have für den Talisman!

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Design

Über Design lässt sich bekanntlich stundenlang streiten. Der Talisman polarisiert, wer auf den typisch biederen Passat-Geschmack auf der Zunge hat, wird kein Freund des Renault. Das neue Markengesicht zieht alles in die Breite, macht den Talisman zu einer tiefen Limousine, die am Heck ähnlich einem Coupé abfällt. Dabei wird der Innenraum nicht zu sehr beschnitten, sodass hinten noch immer normal gewachsene Erwachsene sitzen können. Ein kräftig proportioniertes Renault-Emblem sitzt auf der von Chrom durchzogenen Front und wird seitlich von den C-förmigen LED-Tagfahrlichten flankiert. Das Heck ist jenes einer typischen Limousine. Einzig die unterste Kante, die vom Radlauf ankommt, bringt etwas Abwechslung mit hinein. Auch hier ziehen die Rückleuchten den Talisman wieder breit. Jener misst übrigens 1.868 mm ohne Spiegel. Ein respektables Sicherheitsfeature ist die „Always On“ Funktion der Rücklichter. Sobald der Motor läuft, ungeachtet der Licht-Einstellung, leuchten auch die Rücklichter auf. So ist auch bei trübem Wetter, die matschig graue Lackierung im Nebel zu erkennen. Man darf es als „Heck-Tagfahrlicht“ verstehen.

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Fahreindruck des Renault Talisman Energy dCi 160

Drei Diesel und zwei Benziner stehen zum Marktstart bereit. Gefahren sind wir nur den 160 PS starken Twin-Turbo Selbstzünder mit 6-Gang-EDC (Doppelkupplungsgetriebe). Der Energy dCi 160 ist kein Racer, er steht auf lange Strecken. Da kann er mit seinem Normverbrauch von 4,5 l/100km wahrscheinlich auch am besten Punkten. Der 1,6-Liter Dieselmotor ist angenehm leise und das französische Doppelkupplungsgetriebe wird langsam immer besser. Wer will kann sich über das R-Link 2 auch vier unterschiedliche Tachoansichten einstellen, die für jeden Geschmack mindestens eine Lösung anbieten.

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Video-Fahrbericht

Fazit

Der Talisman markiert einen gelungen Neuanfang nach dem Laguna. Er ist fähig das Markenimage wieder aufzubügeln, doch dazu muss ihm eine Chance gewährt werden. Das wird in meinen Augen nur mit Kampfreisen oder verlockenden Leasing-Angeboten der Fall sein, der wer schon in der Basis teurer als die „deutsche“ Konkurrenz ist, wird es auf dem deutschen Markt genauso schwer haben wie zuvor.

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Renault-Talisman-Innenraum

Text/Fotos: Fabian Meßner

7 Gedanken zu “Neustart für den Glücksbringer: Renault Talisman gefahren

  1. Man muss so Fair sein das der Talisman eine bessere Grundausstattung hat und mit 5 Jahren Hersteller Garantie kommt, also von Preis/Leistung Verhältnis mindestens auf Augenhöhe fährt

  2. Guter Test, jedoch falscher Schluss aus Preisstrategie. Der Talisman ist in der Basis deutlich besser ausgestattet als ein „günstigerer“ Passat oder Superb.
    Die Basisversion dieser Fahrzeuge gilt seit Jahrzehnten als Werbegag. „Der neue XY, jetzt ab xxxxx €“.
    Scheint aber nach wie vor aktuell zu sein.
    Ich bin gespannt auf den Talisman; den optisch hebt er sich angenehm vom Einheitsbrei ab.

    • Das mag sein, aber nach oben hin fehlt ihm doch einiges an Technik-Spielerei, was die anderen eben bieten 🙂 Wäre es denn etwas für den eigenen Fuhrpark?

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